Die Gemeinwohlprämie – ein neuer Ansatz zur Entlohnung von Umweltleistungen in der GAP

Es ist gesellschaftliches und politisches Ziel, die Agrarförderung zukünftig verstärkt an öffentlichen Leistungen der landwirtschaftlichen Produktion auszurichten. Neben der Produktion z. B. von Grundnahrungsmitteln sollen Landwirt/-innen auch zu Produzent/-innen von öffentlichen Gütern werden. Es stellt sich die Frage, wie die Bereitstellung dieser nicht-marktfähigen Güter nachvollziehbar und angemessen honoriert werden kann. Der Deutsche Verband für Landschaftspflege e.V. (DVL) hat vor diesem Hintergrund ein Verfahren aus der Praxis heraus erarbeitet, um die aktuelle Situation von Biodiversität, Klima- und Wasserschutz in der Agrarlandschaft lohnenswert zu verbessern. Im Mittelpunkt des Vorschlags stehen dabei die Landwirt/-innen, ihre Sichtweise und speziell ihr unternehmerisches Handeln.

 

Das aktuelle „Greening“ in der 1. Säule war als eine wirksame Ökologisierungskomponente in der GAP gedacht. Das Modell hat sich allerdings nicht bewährt und soll nach aktueller Mitteilung der EU-Kommission zur „Ernährung und Landwirtschaft der Zukunft“ in ein gezielteres, ehrgeizigeres und gleichzeitig flexibles Konzept überführt werden, um die auf EU-Ebene festgelegten Umwelt- und Klimaziele zu erreichen (COM (2017) 713 final).

Verbesserungen im Biodiversitäts-, Klima- und Wasserschutz sind in Europa ohne Einbeziehung der landwirtschaftlich genutzten Fläche undenkbar. Mit durchschnittlich 50 % der Bodenfläche und über 60 % in einzelnen Bundesländern obliegt der Landwirtschaft die Hauptverantwortung im Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Der Landwirtschaft fällt damit flächenmäßig betrachtet die Schlüsselrolle bei der Lösung gravierender Umweltprobleme zu. Wirksamer Erhalt und Schutz der Gemeinwohlgüter Biodiversität, Wasser und Klima ist damit untrennbar mit dem Handeln der Landwirt/-innen verbunden.

Nach Überzeugung des DVL ist für eine wirkungsvolle Verknüpfung der verschiedenen Ziele vorrangig ein neues Selbstverständnis von Landwirtschaft notwendig. Der DVL als Dachverband der Landschaftspflegeverbände in Deutschland versteht sich hier als Mittler zwischen den divergierenden Interessenlagen. Seine paritätische Ausrichtung auf Landwirtschaft, Naturschutz und Politik und seine Nähe zur jeweiligen Verwaltungspraxis auf vielen Ebenen bietet einen geeigneten Rahmen, um diese Themen aus mehreren Blickwinkeln zu verstehen und lösungsorientiert zusammenzuführen.

Es hat sich nach Auffassung des DVL in der Vergangenheit hinlänglich erwiesen, dass die geforderten Umweltleistungen nicht durch geringfügige Unterlassungen im Rahmen der üblichen Bewirtschaftung zu erlangen sind, sondern gezielt von Landwirt/-innen erzeugt werden müssen. Bislang brauchen lediglich nur bestimmte Mindestanforderungen erfüllt sein, um in den Genuss der Agrarzahlungen zu gelangen. Wer sich darüber hinaus für weitere Verbesserungen im Umweltbereich engagieren möchte, findet hierfür bei diesem System keinen weiteren finanziellen Anreiz und damit wenig Motivation.

Somit ist es nicht verwunderlich, wenn die angestrebten Umweltziele, insbesondere bei der Biodiversität in der Agrarlandschaft, in immer weitere Ferne rücken, obwohl hierfür in den vergangenen Jahren enorme Finanzmittel aufgewendet worden sind. Ohne eine Abkehr von diesem bisherigen Fördergrundsatz ist nach Überzeugung des DVL keine Besserung dieser gegenläufigen Entwicklung zu erwarten.

Inhaltlicher Kern der „Gemeinwohlprämie“ des DVL (DVL 2017) ist es daher, die Sicherung der wichtigsten flächengebundenen Gemeinwohlgüter im Agrarraum als landwirtschaftlichen Produktionszweig gleichrangig neben der bisherigen klassischen Produktion aufzustellen und ebenso einkommenswirksam zu gestalten. Umweltdienstleistungen sollten wesentlicher Bestandteil nachhaltiger Landbewirtschaftung werden.

Die Gemeinwohlprämie

Eingangsparameter (n=22) der Betriebsbewertung in Schleswig-Holstein

Die genannten Umweltdienstleistungen werden mit einem Punktwertverfahren ermittelt, nach ihren Effekten bewertet und entsprechend des erzielten Gesamtpunktwertes finanziell vergütet. Dieses Punktwertfahren ist zunächst für den Bereich der einzel betrieblichen Biodiversitätsleistungen entwickelt (Neumann und Dierking 2014; Neumann et al. 2015) und dann für die Gemeinwohlbereiche des Klima- und Wasserschutzes erweitert worden (Taube 2015). Die Herleitung der Bewertungen basiert jeweils auf dem aktuellen Stand der Fachliteratur sowie einer Analyse bestehender Bewertungsmodelle für Umweltleistungen bzw. Umwelteffekte landwirtschaftlicher Betriebe (s. Übersichten in Neumann und Dierking 2014; Taube 2015). Das Verfahren ist für die Verhältnisse Schleswig-Holsteins konzipiert und auch validiert, wurde jedoch so entwickelt, dass es an die Bedingungen in anderen Regionen Deutschlands angepasst werden kann. Dieses wird derzeit mit finanzieller Unterstützung des Bundesumweltministeriums erprobt.

Bezugsebene des Bewertungsverfahrens ist der einzelne landwirtschaftliche Betrieb. Das Resultat der Bewertung ist ein Gesamtpunktwert, der sich aus insgesamt 22 Parametern errechnet, die wiederum fünf Bewertungskategorien zugeordnet sind (s. Abb.). Bei den Eingangsgrößen der Bewertung handelt es sich um Landnutzungsformen und Wirtschaftsweisen des landwirtschaftlichen Betriebes, die unter den aktuellen Zielsetzungen erfahrungsgemäß positive Effekte für die genannten Umweltbereiche zeigen. Für den Bereich des Klima- und Wasserschutzes werden die Ergebnisse der Brutto- Hoftor-Stickstoff (N)-Bilanz sowie der Hoftor-Phosphor (P)-Bilanz bewertet, die anderen Eingangsdaten stammen aus dem Grundantrag.

Die Gemeinwohlprämie ergibt sich aus der Multiplikation der Gesamtpunktzahl mit einem monetären Punktwert (€ / Punkt) und der Betriebsfläche (ha).

Der einzelne Landwirt kann mit diesem Schnellverfahren selbst errechnen, inwieweit es für ihn lohnend ist, „echte“ Gemeinwohlleistungen zu erbringen. Der DVL geht davon aus, dass diese Verlagerung der Entscheidung auf den Unternehmer, wer wo welche Maßnahmen umsetzen will, in der Summe zu mehr Umweltleistungen führen wird. Voraussetzung ist ein ausreichendes Budget, damit die Vergütung der Punkte attraktiv bleibt.

Broschüre zum Download
Konzept für eine zukunftsfähige Honorierung wirksamer Biodiversitäts-, Klima-, und Wasserschutzleistungen in der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP)

PP_Gemeinwohlpraemie_FIN_DE.pdf | 1.3 MB

Die Perspektiven

Das dargestellte Bewertungsverfahren für eine neue Gemeinwohlprämie ließe eine Reihe positiver Effekte erwarten. Grundsätzlich erhielten Umweltleistungen erstmals einen messbaren Wert, was sie fassbarer machen und deutlicher in das Bewusstsein treten lassen würde. Faktisch ist davon auszugehen, dass mehr, gezieltere und hochwertigere Maßnahmen zum Biodiversitäts-, Wasser- und Klimaschutz in der Landwirtschaft stattinden würden. Nach Jahrzehnten ständiger Verschlechterung wäre eine Trendumkehr zu erwarten.

Hervorzuheben sind aber auch besonders gesellschaftliche Aspekte. Der stärker anreiz- und ergebnis orientierte Ansatz führt nach Meinung des DVL zu mehr Akzeptanz für öffentliche Zahlungen im Rahmen der GAP. Die Bereitschaft der Gesellschaft zu öffentlichen Zahlungen an die Landwirtschaft wird dabei umso eher bestehen bleiben, je konsequenter diese an einen sichtbaren gesellschaftlichen Mehrwert gebunden sind. Vor allem bei knapper werdendem Budget ist es umso wichtiger, dass die verbliebenen Mittel konzentriert für diejenigen Zwecke eingesetzt werden, die die größten Effekte haben.

Mit der wirtschaftlichen Produktion von Gemeinwohlleistungen würde die Landwirtschaft zudem wieder mehr in eine zentrale Position in der Gesellschaft rücken, die sie in den vergangenen Jahren zunehmend verloren hat. Der DVL, der in Deutschland bereits seit Jahrzehnten für dieses Ziel eintritt, sieht hier zugleich einen Schlüssel für gestärkte ländliche Räume.

Kontakt

Sönke Beckmann

 

Deutscher Verband für Landschaftspflege e.V.

Koordinierungsstelle Schleswig-Holstein

Seekoppelweg 16

24113 Kiel

Tel.: +49 (0) 431-64997333

Mobil: +49 (0) 1523-3629993

E-Mail: s.beckmann(at)lpv.de

 

 

 

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